30 Jahre Klingonisch: Interview mit Marc Okrand

Marc Okrand ist ein amerikanischer Sprachwissenschaftler und hauptsächlich bekannt als Erfinder der klingonischen Sprache. So steht es in Wikipedia, so kennt ihn auch jeder. Aber er ist mehr als "Mister Klingon", mehr als eine Vokabel-Erfinde-Maschine. Im Grunde führt er ein Leben wie jeder andere von uns, hat studiert und gearbeitet. Er fährt gerne an den Strand, besucht Freunde und Familie und geht ins Theater. In diesem sehr persönlichen Interview aus dem Jahre 2014 beleuchtet er mal eine andere Seite der klingonischen Sprache.

30 Jahre Klingonisch

Moooment einmal… Da scheint doch ein Fehler vorzuliegen, oder? Klingonisch gibt es schon deutlich länger! Ja, das stimmt: Die Sprache wurde 1984 für Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock erstmals entwickelt, und schon 1979 in Star Trek – Der Film ansatzweise gesprochen. Also je nach Berechnung ist Klingonisch schon 42 oder gar 47 Jahre alt.

Das nachfolgende Interview haben wir jedoch aus unseren Archiven ausgegraben und veröffentlichen es hier anlässlich des Gebursttags von Marc Okrand, der heute 78 Jahre alt wird. Das Interview erfolgte im Jahr 2014, als Klingonisch genau 30 Jahre alt wurde. Unfassbar, wie schnell die Zeit vergeht.

Unter Klingonisten gibt es manchmal Diskussionen, welches Datum für die Geburt der Sprache das gültige sei. Die ersten Wörter, die im Film von 1979 gesprochen wurden, waren eigentlich nur ein paar undefinierte Laute, erfunden durch den Schauspieler James Doohan, der den Lauten keinerlei Bedeutung gegeben hatte. Das offizielle Wörterbuch erschien im Jahr 1985 und wurde 1992 ergänzt, aber auch diese Daten können nicht die wahre Geburt der klingonischen Sprache festlegen. Diese wurde nämlich durch den Linguisten Marc Okrand für den Film Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock erfunden und in diesem Film konnte man erstmals das echte, konstruierte Klingonisch hören. Die Premiere dieses Films – und somit die Geburt der Sprache – war am 1. Juni 1984. Vor genau 30 Jahren. [Anm: Dieser Artikel erschien im Juni 2014]

An diesem Tag hörte die Welt zum ersten Mal den Dialog zwischen Valkris, die ihrem Geliebten die geheimen Genesis-Daten brachte. Auch hörten wir den Schauspieler Christopher Lloyd als Commander Kruge, der seinen Schützen wegen eines schlechten Schusses vaporisierte und mit dem Wort Ha'DIbaH als "Tier" bezeichnete. Und tatsächlich ist es auf den Tag genau dreißig Jahre her, seit die Welt das Wort Qapla' zum ersten Mal hörte.

Vor genau dreißig Jahren wurde auch Maltz gefangen genommen, welcher uns heute noch über Marc Okrand neue Vokabeln mitteilt. Dreißig Jahre hat Marc Okrand vieles über die klingonische Sprache erzählt, Einladungen, Spiele, Poster und Bücher übersetzt; Er hat neue Vokabeln erfunden, Theaterstücke unterstützt und immer wieder seine Geschichte des Klingonischen erzählt.

Da diese Ausgabe eine Besondere ist, werden wir hier Marc Okrand mal nicht über die klingonische Sprache sprechen lassen, sondern etwas über sich selbst. Hier spricht Marc, nicht Okrand:

Marc Okrand spricht

Lieven Litaer (LL): Herr Okrand, danke dass Sie sich die Zeit genommen haben. Ich möchte heute mal nicht über das Klingonische sprechen, sondern über dessen Erfinder selbst – Sie also.

Marc Okrand (MO): Ach… ja, okay. Warum nicht?

LL: Es gibt ja viele Infos über Klingonisch, aber sehr wenig über Sie. Vieles davon steht bei Wikipedia. Wie fühlt sich das an, einen Eintrag in Wikipedia über sich selbst zu haben?

MO: Das ist seltsam. Sehr seltsam. Es ist klar, dass man nie gedacht hätte, dass so was mal passiert. Eigentlich ist die ganze Internetsache schon seltsam. In meiner Kindheit gab es kein Internet. Wenn dort jemand in einer Enzyklopädie stand, war er meistens schon längst tot. (lacht laut) Aber jetzt mit dem Wikipedia kann man zusehen, wie sich die Sachen ändern, es ist alles ganz anders. Man sieht Sachen über sich selbst und über Freunde, es ist also gar nichts Besonderes mehr, irgendwo im Internet zu stehen. Aber einen Artikel über sich selbst in Wikipedia zu haben ist immer noch ungewöhnlich… Vor allem da ich dort nichts dran gemacht habe, keinen Buchstaben. Und das meiste dort ist sogar richtig, aber manches ist auch falsch oder fehlt.

LL: Ja, das stimmt. Würden Sie uns ein paar Daten nennen, damit das ergänzt werden kann? So wie Ihr Geburtstag?

MO: Ja, klar. Das ist der dritte Juli.

LL: Und ihr Geburtsort?

MO: Das ist Los Angeles… (zögert kurz) Oh NEIN! Jetzt kennen Sie alle meine Passwörter… die geheimen Fragen! (lacht)

LL: In welchem Jahr sind Sie in Rente gegangen?

MO: Das war erst in 2013, das war einer der Fehler der mir dort aufgefallen war. Als ich das sah dachte ich mir, oh mein Gott, jetzt bin ich seit einem Jahr in Rente und ich weiß nichts davon. Stell dir vor was ich an Sprit hätte sparen können.

LL: Haben Sie auch an anderen Sprachen gearbeitet, außer für Star Trek und die atlantische Sprache?

MO: (denkt kurz nach und freut sich plötzlich) Ja! Da war mal so ein Film, der hieß The Journey Inside. Für den hatte ich eine Sprache erfunden, aber die hat keinen eigenen Namen. Und da gibt es überhaupt sowieso nicht sehr viel, nur ein paar Brocken.

Marc Okrand während des Video-Interviews 2014

LL: Haben Sie mit den Synchronsprechern für die atlantische Sprache gearbeitet?

MO: Nein, ich hatte die Sprache nur entwickelt, auf Band aufgenommen und dann an Disney geschickt. Man hatte mir aber erzählt, dass Leonard Nimoy, der den König sprechen musste, sich irgendwann über die seltsamen Dialoge ärgerte und fragte, wer das denn erfunden habe. Als er hörte, dass ich es war, erinnert er sich an die vulkanischen Dialoge, die ich einige Jahre vorher mit ihm geübt hatte, und er sagte zum Spaß "Oh, nein! Marc Okrand, den kenne ich – der Mann hat sie nicht mehr alle!" … Aber es ist ein guter Film, der Held ist ein Linguist! (lacht)

LL: Was halten Sie von den Gerüchten, dass die Hauptfigur in dem Film aussehen soll wie Marc Okrand?

MO: Oh ja, das hab ich schon mal gehört. Es war so: Disney hatte mich gefunden wegen Star Trek, etwa vier oder fünf Jahre bevor der Film rauskam. Ich fuhr mehrmals zu Disney nach Burbank, um über verschiedenes zu sprechen. Bei einem der Termine traf ich den Animator der Hauptfigur Milo Thatch. Man hatte mich bereits vorgewarnt, dass der Animator als Künstler wahrscheinlich auch während des Gesprächs die ganze Zeit etwas skizzieren würde, scheinbar ist das bei denen so. Und so war es auch. Während wir sprachen, machte er Skizzen und zeichnete und zeichnete. Die Hauptfigur stand bis dahin eigentlich schon längst fest. Ob jetzt das Gespräch mit dem Animator das Aussehen der Figur in irgendeiner Art beeinflusst hatte, weiß ich nicht. Die Idee, dass die Figur mir nachempfunden sein könnte, schmeichelt mir, aber ich glaube nicht dass dies der Fall war.

LL: Was machen Sie in Ihrer Freizeit, oder Urlaub?

MO: Seit ich in Rente bin, habe ich viel mehr Freizeit als vorher. Meine Arbeit war sehr zeitintensiv. Und was den Urlaub betrifft… Ja, da habe ich schon mal von gehört. (lacht) Man muss verstehen, dass wir in Amerika nicht so viel Urlaub bekommen wie die Europäer. Aber seit ich in Washington wohne, fahre ich im Sommer gerne an den Strand, oder reise in die Heimat nach Los Angeles um dort Familie und Freunde zu besuchen.

Marc Okrand während des Video-Interviews 2014

LL: Machen Sie gerne Sport, wie Skifahren oder so etwas?

Nein, ich bin kein Ski-Fahrer. Das liegt wohl daran, dass ich in L.A. aufgewachsen war. Ich hatte nie Schnee gesehen bis ich etwa dreißig war. Ich war an Silvesterabend in Washington Stadt und es schneite. Ich war sehr aufgeregt, weil ich das noch nie gesehen hatte: es lag so viel Schnee dass man einen Schneeball formen konnte, so wie ich es nur aus dem Kino kannte. Doch als ich es probierte, ließ ich den Ball sofort fallen: Er war kalt! Das war mir nie bewusst, weil die das im Film nie fallen lassen. Im Film ist es ja meistens eine Requisite aus Plastik oder so. Was ich aber ansonsten gerne mache ist ins Theater gehen, ins Kino gehe ich eher selten.

LL: Und was ist mit Fernsehen?

Nein, nicht wirklich. Ich habe über dreißig Jahre lang fürs Fernsehen gearbeitet, da wollte ich nicht abends nach Hause kommen und mich wieder vor das Gerät setzen. In den ersten Jahren meiner Arbeit musste ich fast den ganzen Tag vor einem Fernsehgerät sitzen.

LL: Mögen Sie Star Trek?

MO: Ich liebe Star Trek! Als Star Trek ganz neu war, hatte ich keinen Fernseher. Ich kannte es nur, weil ich Leute kannte, die einen Fernseher hatten, also wusste ich schon wer Spock und die anderen sind. Aber ich hatte es nicht jede Woche gesehen. Als dann der Kinofilm herauskam war ich genau wie jeder andere sehr aufgeregt und dachte mir: "Oh Mann, das wird großartig!" Ich bin damals sogar in Washington ins Kino gegangen.

Und dann einige Jahre Später hörte ich dass ein Freund von mir beteiligt war, den zweiten Star-Trek-Film herzustellen. Ich dachte einfach nur: "Wow, ich habe Freunde, die Star Trek machen. Ist das nicht cool?!" Dieser eine Freund war [Filmproduzent] Harve Bennett, ich kenne ihn inzwischen schon über fünfzig Jahre, wir hatten uns als Teenager kennen gelernt. Auch die Chef-Assistentin war eine gute Freundin von mir. Da wir über die Jahre regelmäßigen Kontakt hatten, wusste ich, dass sie an Star Trek arbeiteten. Eines Tages war ich mit ihr essen, und dann kam alles ins rollen. Die Tatsache, dass ich Harve Bennett kannte, war nicht unerheblich für seine Entscheidung. Als sie mich vorschlug, sagte er einfach, "Ja klar, Marc kann das machen. Beauftrage ihn."

LL: Denken Sie eigentlich den ganzen Tag an Klingonisch?

MO: (lacht) Das hat mich noch nie jemand gefragt. Es gibt nur drei Situationen wo das passiert. Die Erste ist natürlich, wenn mich jemand was fragt. Die nächste ist wenn ich Autokennzeichen sehe, weil dort oft Wörter mit drei Buchstaben stehen, die wie Klingonisch aussehen oder mich für neue Wörter inspirieren. Und das dritte ist, wenn ich mir überlege "Wie würde man dies und das auf Klingonisch ausdrücken?"… Aber ob ich das jeden Tag mache? Nein.

LL: Wie sehe die Pläne für die Zukunft aus?

MO: Da habe ich verschiedenes. Als erstes werde ich meine Bude etwas aufräumen müssen. Es hat sich so viel angesammelt über die Jahre. Jetzt da ich in Rente bin, habe ich keine Entschuldigung mehr. Aber das andere ist es, weiterhin am Klingonischen zu arbeiten. Da sind noch viele Sachen offen, die ich versprochen habe zu lösen.

LL: Vielen Dank für dieses Gespräch, und liebe Grüße an Maltz.

MO: Gern geschehen. Maltz muss jetzt damit klarkommen, dass ich in Rente bin. Er hatte die Wohnung immer für sich selbst alleine, jetzt muss er die ganze Zeit mit dieser anderen Person klarkommen.

Lieven L. Litaer (li.) mit Marc Okrand (re.) am qepHom 2023 in Saarbrücken

Happy Birthday, Marc!

"Marc Okrand ist ein amerikanischer Sprachwissenschaftler und hauptsächlich bekannt als Erfinder der klingonischen Sprache." So steht es in Wikipedia (auf dieser Seite), so kennt ihn auch jeder. Aber er ist mehr als "Mister Klingon", mehr als eine Vokabel-Erfinde-Maschine. Im Grunde führt er ein Leben wie jeder andere von uns, hat studiert und gearbeitet. Er fährt gerne an den Strand, besucht Freunde und Familie und geht ins Theater. Und er hat viel Spaß daran zu sehen, dass er mit seiner Kreation der klingonischen Sprache so viele Leute erreicht hat, und ihnen eine Freude bereiten kann, indem er die Sprache weiterentwickelt. Aus einem ursprünglichen "Auftrag" wurde es auch für ihn zu einem schönen Hobby.

Genauso wie es auch mir als Klingonischlehrer ein Vergnügen ist, am jährlichen Kurs ins Saarbrücken einer Gruppe von Menschen Freude zu bereiten, Spaß an der Sprache zu haben, diese gemeinsam zu lernen und zu sprechen. Das sollte jeder im Hinterkopf behalten: Es geht nicht wirklich um die Sprache selbst, sondern der Weg ist das Ziel.

Euer Klingonischlehrer Lieven L. Litaer

Klingonisch – Vom Requisit zum Kult

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ÜBER DEN AUTOR

Lieven L. Litaer ist Klingonischexperte, Autor, Gründer des Deutschen Klingonisch-Instituts und weltweit bekannt als der Klingonischlehrer überhaupt. Mehr Informationen darüber gibt es auf seiner Seite www.lieven-litaer.de

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