Das Nibelungenlied auf Klingonisch

Wieder ist eine vielversprechende klingonische Übersetzung eines Stücks Weltliteratur erschienen. Ob es sich lohnt, sich diese anzuschauen, wird in diesem Artikel erklärt.

Die Menge verfügbarer klingonischer Literatur ist verständlicherweise sehr gering. Daher ist es für uns Klingonisten immer wieder ein erfreuliches Highlight, wenn ein neues Werk erscheint.

Nach vielen Jahren meiner Tätigkeit als Klingonischlehrer, hat die Arbeit Früchte getragen. Schülerinnen und Schüler des Klingonischkurs Saarbrücken veröffentlichten ihre klingonischen Übersetzungen. So erschienen in den vergangenen Jahren die klingonische Fassung von Kinderbüchern wie „Die Geschichte von Peter hase“, aber auch schwere Brocken wie H. G. Wells’ „Die Zeitmaschine“.

Auch wenn es selten ist, gibt es auch Menschen, die sich die Sprache komplett autodidaktisch aneignen, ohne jeglichen Kontakt zum KLI oder zum Saarbrücker Sprachkurs. Solch einer ist um Beispiel Martin Erik Horn, der schon mehrere klingonische Bücher erstellt hat. Diese sind zwar nicht immer fehlerfrei, aber sie sind da, und können mit etwas Vorsicht gelesen werden.

Vorsicht vor KI-Klingonisch

Dann gibt es aber eine dritte Sorte Bücher, vor denen ich schon mehrfach gewarnt habe (siehe schlechte Bücher Teil 1 und Teil 2). Leider sind diese nicht so leicht erkennbar: In letzter Zeit erscheinen immer wieder automatisch generierte Übersetzungen wo die Autoren behaupten, es sei Klingonisch. Früher waren automatische Übersetzungen noch leicht zu entlarven, in letzter Zeit ist die KI aber besser geworden, sodass man schlechte Übersetzungen kaum erkennen kann – erst recht nicht als Laie.

Daher ist die erste Faustregel bei der Entdeckung eines neuen Buches: Ist der Autor bekannt? Hat der Autor andere Bücher geschrieben? Denn oft sind das nur Pseudonyme. Die meisten Klingonisch-Experten sind wenigstens in Klingonistenkreisen bekannt oder wurden irgendwo schon erwähnt, wenn auch nur im Klingonisch-Wiki.

Manchmal hilft diese Methode aber auch nicht weiter, wie wir gleich sehen werden.

Jetzt neu: Das Nibelungenlied

Am 20. Januar 2026 erschien beim BoD Verlag ein neues Buch mit dem Titel „Das Nibelungenlied – Die klingonische Übersetzung“. Als Autor bzw. Übersetzer steht dort der Name „Herold zu Moschdehner“. Hier wurde ich erst mal stutzig, denn der einzige Herold den ich kenne, ist der Witcher. … Ah nee, der hieß Geralt.

Trotzdem klingt dieser Name wie ein schönes Pseudonym, das zum Buch passt. Die erste Recherche zeigt aber überraschenderweise, dass der Autor schon sehr viele Bücher veröffentlicht hat, die auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Diese Prüfung ist also erstmal ergebnislos, oder täuschend.

Die weitere Recherche ist noch ominöser: Unter dem Namen gibt es einen Podcast, einen YouTube-Kanal, eine Instagram-Seite mit über 8.000 Followern, und zuletzt finde ich bei Reddit eine Frage mit dem Titel „Ist das eine Betrugsmasche oder Satire?“ Das passt: Einige der Bücher scheinen sinnlose Elemente zu enthalten, also ganz ernst kann das nicht sein. Einen Wikipedia-Eintrag gibt es seltsamerweise nicht. Ein Autor von über 100 Büchern sollte doch die 3-Bücher-Hürde leicht erreichen, oder? Andererseits akzeptiert Wikipedia nur Bücher, die bei Verlagen erschienen sind, und keine aus dem Eigenverlag. Vielleicht ist es doch kein Pseudonym, aber es ist alles sehr fragwürdig.

Schauen wir uns erstmal das Buch an.

Klingonische Übersetzung

Ich möchte mal objektiv herangehen und gar nicht davon ausgehen, das Buch sei KI-übersetzt, obwohl das Titelbild schon deutlich KI-generiert ist. Die Einleitung des Buchs will schon etwas Positives zeigen, indem es erwähnt, dass es ernst gemeint ist. Das ist ja schon erfreulich, aber auch gleich seltsam.

„Dieses Buch ist kein Scherz, keine Parodie und kein sprachliches Kuriosum.“

Der erste Satz des Buches paqvam qoHbe' bestätigt leider schon die  Vermutung: nicht gut!

Es ist recht praktisch, dass dieser Satz so kurz ist, denn daran kann man so viele Fehler auf einmal zeigen. Erstmal ist der Satzbau im Klingonischen immer Objekt-Verb-Subjekt. Das wurde hier verdreht, denn das Subjekt paqvam (dieses Buch) steht als erstes. Aber moment mal! Das Verb ist hier gar kein Verb! qoH ist ein Nomen und bedeutet „Narr“. Dort darf man keine Verneinungssilbe wie -be’ anhängen, die man ausschließlich an Verben anhängen darf.

KI oder einfach nur falsch?

Ist es KI, oder einfach nur fehlerhaft übersetzt? In den ersten Jahren des Bing-Übersetzers, den es schon seit 2013 gibt, hätte man das noch leicht erkennen können. Durch den Fortschritt der verschiedenen KIs ist das heute nicht mehr so leicht zu erkennen. Dennoch gibt es hier bei genauerem Hinsehen Hinweise, dass es keine menschlichen Fehler sind, denn das wäre noch verzeihbar. Die KI ist eigentlich nur dumm und würfelt zufällig Wörter zusammen. Wenn ein Mensch etwas übersetzt, würde er logische oder nachvollziehbare Fehler machen. In der Übersetzung sind aber englische Wörter zu finden. Warum sollte jemand bei einer deutsch-klingonischen Übersetzung englische Wörter einbauen? Hier und da sind auch Wörter enthalten, die es gar nicht auf Klingonisch gibt. Da hat deutlich die KI versucht, etwas anzupassen.

Das zweite Kapitel beginnt im Original in den Niederlanden – Dies ist ein Ländername, den jeder Klingonist mit wenig Recherche schnell im Wörterbuch gefunden hätte. Und nein, es ist nicht so neu, dass es nicht überall steht. Das Wort ne'Derlan erschien schon im Jahr 2011.

Eine weitere Analyse spare ich mir, da der Text so falsch ist, dass der Inhalt der Geschichte nicht erkennbar ist. Es sieht Klingonisch aus, ist es aber nicht. Es ist so Klingonisch wie das Englisch in Adriano Celentanos Lied „Prisencolinensinainciusol“.

Auszug aus dem Buch Das Nibelungenlied auf Klingonisch
Auszug aus dem Buch – Kapitel 2

mu'qaD: Die Beleidigung

Ich hätte gar nicht so weit in den Text hinein gehen müssen: Schon die erste Überschrift, die vermutlich „Vorwort“ heißen soll (die Wörter ähneln stellenweise dem Inhalt des deutschen Vorworts), trägt den Titel mu’qaD: Beleidigung. Und das passt: Dieses Buch ist einfach nur eine Beleidigung für alle Klingonisten. Für alle, die Klingonisch ernst nehmen und es lernen wollen. Und für alle, die sich monatelang und jahrelang an den Tisch setzen, um ein Werk zu übersetzen, während hier wieder ein Trittbrettfahrer – oder gar Betrüger – einfach nur einen Text in ChatGPT reinhaut, um ein Buch zu erzeugen und auf dem Rücken der Unwissenden schnell und einfach Geld zu verdienen.

Soll man das Buch kaufen? Warum sollte man das? Es ist ein mit zufälligen Buchstabenkombinationen bedruckter Stapel Papier, wo vorne das Wort „Klingonisch“ steht. Aber nicht alles, wo „Klingonisch“ draufsteht, ist Klingonisch drin!

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ÜBER DEN AUTOR

Lieven L. Litaer ist Klingonischexperte, Autor, Gründer des Deutschen Klingonisch-Instituts und weltweit bekannt als der Klingonischlehrer überhaupt. Mehr Informationen darüber gibt es auf seiner Seite www.lieven-litaer.de

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